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Abstract
Ulrich Marzolph:
Jamais Calife: Der Orient im Comic
Der "Orient" dient seit langem als Matrix europäischer Projektionen - wobei der "Orient" meist recht undifferenziert wahrgenommen wird, sei es die "islamische Welt", Indien, China oder Japan. Spätestens seit der griechischen Antike wurde dieser "Orient" im wachsenden Bewußtsein europäischer Prägung als das zentrale "Andere" konstituiert, das einerseits durch Abgrenzung der Definition des "Eigenen" diente, andererseits als weitgehend unbekannte Region voller Mirabilia, Wunder und Zauber schien. Von den Begegnungen mit dem "Orient" anhand der Kreuzzüge über Türkenfurcht und Turquoserie bis hin zu der im gesamten europäischen Raum überwältigenden Rezeption der Erzählungen aus "1001 Nacht" (seit Anfang des 18. Jh.s) hat sich dieses Bild des Orients ständig erweitert und konsolidiert. Angesichts dieser Tatsache nimmt es wenig Wunder, daß der "Orient" auch in Comics eine wichtige Rolle spielt.
Es ist anzunehmen, daß sich diese Rolle in Comics der jüngeren Zeit aufgrund der zeitgenössischen politischen Wahrnehmung des "Orients" drastisch gewandelt hat. In den hier zur Debatte stehenden "klassischen" Comics ist jedoch noch eine aus Kontinuität erwachsene Sichtweise festzustellen. Viele der "klassischen" Comic-Figuren waren im Orient: zu nennen wären zumindest der Duck-Clan, Hergés Tintin, sowie Asterix und Obelix - wenngleich die Darstellung des "Orients" in diesen Comics je nach ihrer Ausrichtung stark schwankt - zwischen dem Versuch einer realistischen (wenngleich kolonialistisch geprägten) Darstellung in den "Reportermärchen" Tintins über eine pseudo-historische Sichtweise bei Asterix und Obelix bis hin zu märchenhaft phantastisch ausgeschmückten Szenen bei den Reisen des Duck-Clans.
Von besonderem Interesse ist die einzige "klassische" Comic-Serie, die ganz im Orient angesiedelt ist: Die Geschichten um den bitterbösen Wesir Iznogoud/Isnogud, dessen erklärtes Ziel es ist, "Kalif anstelle des Kalifen" zu werden. Hierbei greifen der Texter Goscinny sowie der Zeichner Tabary tief in die Trickkiste "orientalischer" Motivik. Wie erfolgreich sie mit dieser Motivik hantieren, wird u. a. daran deutlich, daß die Serie vor kurzem in einem Realfilm aufgegriffen wurde, und mehr noch daran, daß Iznogoud mit seinem stereotypen Wahlspruch im jüngsten französischen Präsidentschaftswahlkampf als Spitzname des Kandidaten Sarkozy in aller Munde war.
Der Vortrag befasst sich nach einleitenden Bemerkungen zum Umfeld derartiger "orientalistischer" Comics vor allem mit "Iznogoud". Im Vordergrund steht dabei die Frage, aus welchen Quellen sich die Orientvorstellungen der Macher dieses Comics speisen bzw. welche Stereotypen sie durch ihre Darstellung weiter vermitteln.
Copyright (c) 2007 Verlag Sackmann und Hörndl
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